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Der Traum vom Wein am See

Kathrin Gindl

Wie ein "Rosamunde Pilcher"-Roman wirkt der Lebensverlauf des Biowinzers Marcus Gruze. Dass der Weinbau am Längsee aber nichts für verklärte Romantiker ist, erfahre ich bei meinem Besuch im Weingut Georgium.

Marcus ist trotz sommerlicher Temperaturen im Dauerlauf und so setze ich mich mit seiner Herzens- und Arbeitspartnerin Uta Slamanig zusammen, die mir auch einiges über Marcus erzählen kann. Also zurück zu seinem Lebenslauf, der sich fast wie ein Drehbuch liest: Mit 15 Jahren startet er eine Lehre zum Koch-Kellner in den österreichischen Alpen. Bis nach Neuseeland tragen ihn seine Sinne, die er während seiner jahrelangen gastronomischen Laufbahn geschärft hat um schließlich am Weingut eines Schweizers in die Rolle des Sohnes zu schlüpfen, den dieser nie hatte. Doch bevor er in Übersee sesshaft wird, wünscht sich seine Schwester eine Rückkehr nach Österreich um gemeinsam den elterlichen Betrieb zu erhalten. 

Back to the roots

Marcus findet zurück zu seinen Wurzeln, spürt intuitiv, dass er seine Erfahrungen und Verbindungen zur Natur nicht als Gastronom ausleben kann und wird Weinbauer. Nach dem Umbau des Betriebes in St. Georgen findet er seine Muse – Uta. Seit vier Jahren leben sie Tag für Tag ihren Traum als Weinmacher am Längsee und schaffen damit ein überregionales Bewusstsein für den biologisch dynamischen Weinbau in Kärnten.

Ob konventionell, ökologisch oder biodynamisch: Die Arbeit als Winzer ist definitiv mehr als nur Träumerei und Liebhaberei. Es ist eine eigene Wissenschaft in einem Raum voller Mikro- und Makroorganismen. Viel körperliche und harte Arbeit bei Wind und Wetter –  und das ganzjährig. Dies bedarf einer Lebenseinstellung, die ein weltoffenes Herz mit einem wachen, visionären Geist verbindet und Struktur schafft, wo alles möglich erscheint.

Denn sie wissen, was sie tun

In den drei Hektar großen Weingärten von Marcus Gruze lernen selbst die Rebstöcke so etwas wie Eigenverantwortung. Von Beginn an werden der natürliche Kreislauf und das Immunsystem des Weingartens gestärkt. Mit sorgfältiger Bodenarbeit wie dem Erhalt des Ökosystems und dem Einsetzen von Nützlingen, händisch ausgebrachtem Biodünger, nur wenigen Eingriffen in der Laubwand und dem Verzicht auf künstliche Bewässerung, programmieren Marcus und Uta die Zellen der Rebstöcke langfristig um. Statt Rasenmähertraktor gibt es Schafe, die zusätzlich das Gleichgewicht im Weingarten fördern.

Im Keller, wo die eigentliche Arbeit des Winzers beginnt, überlässt Gruze dem Wein die Zeit die er braucht um das zu werden, was Weinkenner als Typizität und Charakter eines Weines bezeichnen. Das sorgfältig ausgewählte Traubenmaterial wird ohne Zusatz von Reinzuchthefe, Schwefel oder Umkehrosmose vergoren. So entstehen Natural Wines, die wie ihre "Zieheltern" authentisch, unverblümt, tiefgründig und nachhaltig rüberkommen. Dass diese Art des Kelterns Weine entstehen lässt, die Ecken und Kanten, sowie Säure und Gerbstoffe haben, begrüßt Uta sehr. „Wenn du die nicht hast, kann der Wein sein Potenzial langfristig nicht entwickeln. Wo nichts da war, kann auch nichts werden. Das können wir mit einem schnell produzierten und auf den Markt gebrachten, leichten Wein nie erreichen.“, erklärt sie mir. 

Strahlst du schon oder reflektierst du noch?

Das durch die Seeoberfläche reflektierte Licht der Sonne schafft im Weingarten ein eigenes Klimamilieu, zusätzlich speichert der Schiefer die Wärme im Boden und der Lehm darüber die Feuchtigkeit. Dieses unvergleichbare Terroir am Nordufer des Längsees bringt besonders die schwierigen Burgundersorten, denen sich Marcus verschrieben hat, zu Höchstleistungen, erzählt Uta. Er liebt die Herausforderung und die Rebfamilie des Chardonnay. Weiß –und Grauburgunder und ebenso der Pinot Noir liegen ihm persönlich am Herzen. Weinliebhaber rund um den Erdball schätzen das. Auch wenn Uta und Marcus betonen, dass ihre Weine nicht "das Besondere" in einer Weinkarte darstellen sollen – wer in dieser Königsdisziplin mit Weinen aus Kärnten in die internationale Gastronomieszene köpfelt, hebt sich automatisch vom klassischen Nonplusultra der Weinkapazunder ab.

Das Winzerpaar sieht seine Kapazität im Weingarten nicht in der Vergrößerung der Anlagen sondern in der Vertiefung und Spezialisierung der bereits vorhandenen Gewächse. Zum Beispiel ist Orange Wein ein Thema, an das sich nur wenige Weingüter dieser Größe heranwagen. Uta und Marcus sehen ihre Pläne sehr locker und strahlen eine Ruhe und ein Urvertrauen in ihrer gemeinsamen Arbeit mit und von der Natur aus, dass man am liebsten noch länger zuhören oder am besten gleich Urlaub bei ihnen machen möchte. Der mit bestem Gewissen gewordene Wein, der Blick auf den See, diese ungezwungene Umgebung und Lockerheit am Hof, abends ein Überraschungsmenü auf der Terrasse des hauseigenen "Rathhaus" von Markus Rath, philosophieren über das Leben. Bald kann dieser Tagtraum Wirklichkeit werden, denn es sind bereits Gästezimmer in Planung. Zudem möchten die beiden auch ihr landwirtschaftliches Wissen ausbauen und vermehrt auch andere Produkte zusätzlich zum Wein produzieren.

Heute ist nicht aller Tage…

Ich verabschiede ich mich von Uta, Marcus, und auch vom Haushund. In meine Gedanken versunken, werfe ich noch einen kurzen Blick auf den strahlend grünen Weingarten am anderen Seeufer. Ich atme tief und ruhig ein und aus. Ich beschließe: Wenn dieser Einklang in mir verschwinden sollte, fahre ich einfach wieder zu Marcus und Uta an den Längsee und lasse mir je nach Tagesverfassung und Laune einen der Weine empfehlen.

Quellenangaben
www.georgium.at

Fotos: Ferdinand Neumüller, Kathrin Gindl
Weingut Georgium
Adresse
Längseestraße 9 St. Georgen am Längsee 9300
Email
office@georgium.at
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