• Foto: Lukas Kirchgasser Fotografie Quelle: KüchenKult
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KüchenKult

Tradition trifft Zeitgeist

Tom Wachtler

Die wenige Schritte vom Auto hinein ins geschäftige Treiben haben mich in eine eigene kleine Welt geführt, kurz gesagt: in ein Dorf. Naturel Hoteldorf Schönleitn - das klang für mich als Location zunächst ein wenig nach Schnickschnack, nach bemühter Romantik und so. Doch davon ist man hier in Oberaichwald meilenweit entfernt: Das Hoteldorf ist tatsächlich ein Dorf. Gäste wohnen in Appartement-, pardon, in Bauernhäusern. Die Ursprünglichkeit ist keine Kulisse, sondern Programm. Echt wie der Sonnenuntergang und die Felsen des markanten Mittagskogels im Süden, der das Bergpanorama des Faaker Sees dominiert und hier zum Greifen nahe scheint. 

Auf dem Dorfplatz raucht der Brotbackofen. Daneben spielt - quasi als letzter Beweis für eine garantiert kitschfreie Zone - eine schräge Combo. Sie nennt sich The Talltones und besteht aus den bekanntesten Kärntner Jazz-Musikern, die gemeinsam die Grenzen musikalischer Genres ausloten und überschreiten. Ihr Motto ist "Rough with Love", verrät mir Google. Und genauso intoniert die Band zuerst das Kärntner Lied "In da Mölltalleitn" und danach "These Boots Are Made for Walkin'". 

Der Aperitif passt zum Sound. In edlen Craft-Beer-Gläser werden Kostproben aus der ältesten Kärntner Privatbrauerei Hirter gereicht. Ich wähle ein Hirter 1270er, dessen Name auf das Jahr Bezug nimmt, in dem die Brauerei zum ersten Mal urkundlich erwähnt worden ist. Farbe und Geschmack der Bierspezialität sind geprägt vom speziell gerösteten, karamellisierten Braumalz, das man dafür verwendet. Ich habe gerade Luft geholt, um die umstehenden Gästen mit meinem Fachwissen aus dem letzten Bierseminar zu langweilen, als mir Christian Riedel auf die Schulter klopft. Er ist einer der kreativen Köpfe, die hinter diesem einzigartigen Abend stecken.

KüchenKult nennt sich die Veranstaltungsreihe in der Region Villach und rund um den Faaker See, die seit 2015 jährlich im Mai kreative Kulinarik mit Wurzeln im Ursprünglichen in den Mittelpunkt rückt. "Wir nennen die Locations Genussbühnen", erklärt mir Christian und bleibt im blumigen Jargon eines Genuss-Dramaturgen. "Die Hauptrolle spielen regionale Lebensmittel, heimische Produzenten und die Top-Köche der Region." Klingt gut, aber warum der Name KüchenKult? Wegen der coolen Band? "Nein", lacht Christian. "Weil Essen und Trinken, bodenständige Bewirtung und Ambition auf Neues in unserer Gegend Kultstatus haben." 

Genussbühnen 2015:

  • Gourmetrestaurant Lagana
  • Der Zitrusgarten
  • Der Tschebull
  • Finkensteiner Nudelfabrik
  • Warmbaderhof
  • Frierrs Feines Haus
  • Naturel Hoteldorf Schönleitn
  • Karnerhof

Wir haben zu lange geplaudert und sind unter den letzten Gästen, die vom Dorfplatz ins Dortwirtshaus wechseln. Es ist genau so, wie man sich ein Dorfwirtshaus, in dem die Zeit stehen geblieben ist, vorstellt: urig und gemütlich - bis ins kleinste Detail. Auf jedem Platz liegt ein "Kärnten Karo Hangale", ein in den Kärntner Landesfarben kariertes "Gschirtiachl". Keine Sorge, auch ich musste es mir übersetzen lassen. Ein "Hangale" bzw. "Gschirtiachl" ist ein edles "Geschirrtuch", das man auch als Stoffserviette benutzen kann. Auf dem Beipacktext (es gibt tatsächlich einen) liest sich das im Kärntner Dialekt so: "Konnst da mit mir a di Papn obwischn, lei nocha holt neama es Gschir!" Christian hat mir den Satz dankenswerterweise ins Hochdeutsche übersetzt: "Du kannst dir mit mir auch den Mund abwischen, allerdings danach nicht mehr das Geschirr."

Christian klärt mich bei Tisch weiter auf: Der heutige KüchenKult-Abend steht unter dem Motto WirtshausKult (daher die Location) und wird hinter den Töpfen und Pfannen in der Küche von den besten Köchen der Region bestritten. Das Ergebnis kann sich, begleitet von ausgewählten österreichischen Weinen, sehen, kosten und vor allem genießen lassen. Ich lerne viel. Zum Beispiel, dass es auch einen köstlichen Kärntner Lardo gibt - bis dato habe ich diese besonders Speck-Spezialität immer Italien zugeordnet. Oder dass dem Gailtaler Portulak, einem in unseren Breiten beinahe vergessenen Wildgemüse, Heilkräfte zugeschrieben werden. 

Die Seeforelle harmoniert mit dem Bärlauch-Sauerrahm-Cappuccino wie der weiß gedeckte Holztisch mit meinem bunten "Gschirtiachl", das ich mittlerweile - gemäß des Beipacktextes - fleißig verwende, um mir vornehm "die Papn" (den Mund) abzuwischen. Mit einem Riesling-Kalbsbeuscherl kommt dann ein Wirtshausgericht auf den Tisch, wie es österreichischer gar nicht sein kann, bevor ich beim nächsten Gang wieder etwas lerne: Huchen kann man auch in Almheu garen. Das (und wohl auch die Weinbegleitung) inspiriert Christian und mich zum fröhlichen Dichten: "Sooo einen Huchen muss man lange suchen." 

Am Nebentisch sitzen Damen und Herren mit schweren Ketten um den Hals. "Sind das alles Oberbürgermeister", frage ich Christian. Er verneint. "Das sind Vertreter der Chaîne des Rôtisseurs." Ich erfahre, dass die Kärntner Vertreter der ehrwürdigen Gesellschaft "zur Aufrechthaltung gastronomischer Werte und gepflegter Tischsitte" ebenso zu den Trägern der KüchenKult-Veranstaltungsreihe zählen wie das fallstaff-Magazin. Was mich noch von einem Mitglied der Chaîne des Rôtisseurs unterscheidet, wird deutlich, als uns die Köche am Ende des Abends ihre Aufwartung machen. Auch die Feinschmecker mit ihren Ketten stimmen in die Standing Ovations ein, allerdings sind sie nicht wie wir aufgesprungen, sondern haben sich "erhoben". Keinen Unterschied gibt's in Sachen Begeisterung - die sieht man uns allen an.

"Fortsetzung folgt", verspricht mir Christian zum Abschied. Und zwar im Mai 2016. Der KüchenKult soll vor dem Start in den Sommer fixer Bestandteil des Veranstaltungskalenders in Villach und am Faaker See werden. Wobei "fixer Bestandteil" wahrscheinlich eine Untertreibung ist. "Highlight" würde es wohl viel besser treffen.

Termine und Reservierungen 2016: 
www.kuechenkult.at